Der prägendste Mensch für Tochter Cornelia
Ein Buch über den prägendsten Menschen im Leben zu schreiben ist
schon für sich eine große Sache. Die eigene Kindheit nochmal zu
durchleben würde mir persönlich schon genügen.
Dass Cornelia Scheel – heute im selben Alter wie ihre Mutter als
diese viel zu früh verstarb – eben jene wichtige Zeit im Detail
beschreibt, muss schmerzend und heilsam gleichermaßen gewesen sein.
Scheel spricht mit Freunden und Angehörigen, um die eigenen
Erinnerungen zu vervollständigen und das macht das Buch zu einer
Sammlung von Ansichten und Anekdoten über einen Menschen, der zum einen
liebevolle Mutter, zum anderen Politikergattin und Ärztin gewesen ist.
Nicht nur das: Mildred Scheel gründet 1974 die Deutsche Krebshilfe und
legt damit den Grundstein für Aufklärung, Forschung und Begleitung und
hält lange Zeit sogar ihre eigene Erkrankung geheim, um anderen
Erkrankten und der Gesellschaft nicht den Glauben an eine Heilung zu
nehmen (“Ich darf nicht sterben….denn sonst wirft das die Arbeit der
Krebshilfe um Jahre zurück”).
Mich berührt das Geschriebene vielleicht besonders, weil ich auch schon Krebs-Hilfe bekommen habe.
Mildred Scheel war mir immer “irgendwie bekannt”
Mildred Scheel war lange vor meiner eigenen Bonner Zeit in der Stadt
wohnhaft. In der alten Bonner Bundesrepublik war die Villa Hammerschmidt
der Wohnsitz des Bundespräsidenten. Dennoch war sie mir schon immer
“irgendwie bekannt”. Als ich dann selbst an Krebs erkrankte und nur noch
Hartz IV bekam, half mir die Krebshilfe mit einer Einmalzahlung aus –
die Klinik hatte mich dabei unterstützt.
Als ich wieder gesund war, konnte ich mit dem Erlös aus meinen Buchlesungen das Geld doppelt zurückgeben.
Dass die Krebshilfe, Mildred Scheels “viertes Kind” aber tatsächlich
ausschließlich von Spenden am Leben erhalten wird, habe ich nicht
gewusst. Darum finde ich es doppelt schön, dass am Ende des Buches der
Krebshilfe-Vorsitzende Gerd Nettekoven zu Wort kommt.
Krebshilfe-Präsident Fritz Pleitgen wird weiter vorne zitiert:
Die Deutsche Krebshilfe ist eine Jahrhundert-Organisation, gegründet von einer Jahrhundert-Frau.
Und dieser Satz beschreibt sie mit wenigen Worten ganz
wunderbar. Sind doch die “Blauen Ratgeber” der deutschen Krebshilfe die
erste Hilfe, auf die Erkrankte und Angehörige im Internet oder in den
Warteräumen der Onkologie stoßen. Meiner Meinung nach übrigens auch das
Einzige, was man lesen sollte wenn man die Diagnose Krebs bekommt –
alles andere macht einen nur verrückt.
Kinder wichtiger als Besprechungen
Cornelia Scheel berichtet sehr offen von der Nähe zur Mutter, aber
auch von Auseinandersetzungen oder dem Leben mit ihr ganz allgemein.
Eine Mutter zum Spaß haben, aber auch mit einer gewissen Strenge, die
immer für die Kinder da. Und die nach Dienstschluss die Telefonate der
Krebshilfe zu sich nach Hause umleiten lässt, damit Hilfesuchende ihre
Hilfe bekommen.
Eine Frau, die die Kleidung trägt, die sie mag – egal ob die
einzelnen Teile zusammenpassen oder nicht. Während wichtigen
Besprechungen nimmt Mildred Scheel die noch wichtigeren Anrufe ihrer
Kinder entgegen. Sie reagiert “spontan und ungefiltert nach ihrem
Bauchgefühl” und adoptiert nach zwei eigenen Töchtern noch einen kleinen
Jungen. Über den Bruder schreibt Cornelia Scheel:
Ich bin jeden Tag dankbar und glücklich, dass dieser wundervolle Mensch Teil meines Lebens ist.
So kommt auch das Gefühl zwischen den Zeilen immer wieder an: Dieses Buch steckt voller Wertschätzung und Liebe.
Ich glaube, dass auch deshalb diese besondere Lebensgeschichte etwas
mit einem macht. Eigentlich sind es ja zwei Lebensgeschichten, auch die
der Cornelia Scheel, die so eng mit der Mutter verbunden ist und sie so
sehr spürt, dass sich dieses Gefühl auf mich als Leserin überträgt.
Mildred Scheel war eine Menschenliebhaberin
Die Hochachtung und der Respekt für all die Unwägbarkeiten des
Lebens, denen Mildred Scheel nicht ausgewichen ist, schwingen im ganzen
Buch mit. Auch die große Liebe zu Walter Scheel und den Menschen ganz
allgemein, fasst die Tochter in Worte. Aber auch das Knallhartsein der
Mutter, wenn etwas in ihren Augen nicht korrekt lief. Man möchte diese
Frau gekannt haben und ihr Lebenswerk unterstützen, aber auch Cornelia
Scheel sagen:
Danke, dass nicht nur Andy Warhol ein buntes Portrait gezeichnet hat, sondern auch Sie!
Und zwar mit Buchstaben auf Papier, in einem gebundenen Buch, mit
einer Mischung aus Privatfotos und aus der Presse bekannten Bildern.
Der Humor des Buches lässt mich manches Mal mehr als schmunzelnd
zurück. Abergläubisch war die Ärztin Mildred Scheel. Weshalb sie morgens
nicht mit dem linken Fuß aufstehen wollte und darum “kurz vor einer
Hüftdysplasie” stand. Sie hatte Glücksbringer, die zum Beispiel wie eine
alte Kartoffel aussehen. All jene Beschreibungen holen Mildred Scheel
zurück in die Gegenwart. Ein Buch gegen das Vergessen? Nein, eine solche
Frau kann man nicht vergessen, sie darf nicht vergessen werden. Aber
auch Cornelia Scheel nicht, die so wunderbar diese alten Zeiten
reflektiert, ihre eigene Person in den Hintergrund rückt und doch
präsent ist, weil sie uns das alles erzählt, das Erlebte und das
Nichterlebte, die Erinnerungen so vieler Menschen an ihre Mutter Dr.
Mildred Scheel.
Danke, an beide Frau Scheels!
Gemeinsam mit Hella von Sinnen veranstaltet Cornelia Scheel Lesungen
des Buches. Hella liest und Cornelia beantwortet Fragen. Lesungstermine
findet ihr hier:
Facebook Cornelia Scheel
Mildred Scheel: Erinnerungen an meine Mutter
Cornelia Scheel (mit Regina Carstensen)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Rowohlt; Auflage: 3 (29. Oktober 2015)
ISBN-13: 978-3498060879
rowohlt.de/hardcover/cornelia-scheel-mildred-scheel
Wer mehr über Mildred Scheel wissen will, findet auf den Seiten der Deutschen Krebshilfe ein Kurz-Biographie:
krebshilfe.de/deutsche-krebshilfe/dr-mildred-scheel-biografie. Meilensteine der Organisation sind hier aufgeführt:
krebshilfe.de//40-jahre-deutsche-krebshilfe/meilensteine. Der Mildred-Scheel-Kreis, Förderverein der Deutschen Krebshilfe, braucht nach wie vor Spender_innen:
krebshilfe.de/spenden/spenden-mildred-scheel-kreis.