Ich habe Dir letzte Woche von der sehr guten Dokumentation "Westerwelle" des WDR in der ARD Mediathek erzählt.
Auch wenn ich wie letzte Woche erklärt weit entfernt bin von der Politik der FDP, so verbinden mich mit Guido Westerwelle zwei Dinge: dieselbe Lehrerin und der Krebs. Ihn hat es deutlich schlimmer getroffen als mich, ich gelte als geheilt und die Chemotherapie und Bestrahlungen waren bei mir auch weniger als bei ihm. Aber die Gedanken übers Leben und das Überleben teilen wir. Und die Erinnerungen an unsere Lehrerin, die mit ein wenig Stolz im Blick augenzwinkernd meinte, dass aus uns zweien was geworden sei. Sie ist ein paar Jahre vor ihm ebenfalls an Krebs verstorben.
Aufgrund der Doku habe ich mir sein Buch gekauft. Und tatsächlich ist das eines dieser Bücher, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Außerdem ist es inzwischen gespickt mit Post-its, weil einfach so viele wahre und wichtige Dinge drin stehen. Und Bücher, er zählt darin Bücher auf und zitiert aus ihnen, dass ich direkt einen neuen SUB (Stapel ungelesener Bücher) eröffnen möchte.
Er erzählt, und das meine ich genau so, weil es so nah ist wie das abendliche Gespräch mit einem Freund bei einer Flasche Rotwein, einerseits von seinen politischen Jahren, erklärt aber auch Dinge mit Erfahrungen aus seiner Kindheit und Jugend und springt immer wieder in die Behandlungszeit, aber auch in die glücklichen Zeiten mit seinem Ehemann.
Auch wie sie Auszeiten genießen, mich berührt zum Beispiel eine Episode von Sylt, ohne zu viel verraten zu wollen, schafft er es am Meer länger entlang zu laufen und vor allem erst einmal dorthin zu kommen. Ich saß einmal während der Chemotherapiezeit auf einer Bank etwa fünf Gehminuten von unserem Zuhause entfernt und wusste nicht, wie ich dorthin zurück gelangen sollte. Schon darum weiß ich, wie besonders es für ihn gewesen sein muss.
Auch bei der vorher an Anfang beschriebenen Behandlung dachte ich, dass es wie bei mir war, sie kürzen in der Klinik alles ab. Lange Fachbegriffen bekommen zum Beispiel einfach nur drei oder mehr Großbuchstaben - mich hat das damals fast verrückt gemacht. Ich, die Worte so sehr liebt, hörte nur noch ABCDEFG. Ich finde das interessant, dass er es auch so erwähnt. Erschüttert hat mich, wie wenig ich damals vor ca dreizehn Jahren (als ich 24/7 arbeitete) von der Außenpolitik mitbekommen habe und wie aktuell noch heute seine Beschreibungen sind - zum Beispiel was die Situation Europas im Hinblick auf die Ukraine betrifft, aber auch, was die Menschen an sich bewegt - noch vor den Social Media-Trollen. Auch das Scheitern der FDP an der 5%-Hürde, all die Wegbegleitenden, von denen er erzählt und die zu meiner politischen Kindheit und Jugend gehören und deren Rückgrat ich heute schmerzlich vermisse - dieses Buch ist aktuell, obwohl es die 2. Auflage von 2016 ist und viel früher geschrieben wurde.
Co-Autor Dominik Wichmann schreibt auch das Nachwort (mit Herz) und ist einer der Autoren der oben genannten Dokumentation. Von ihm werde ich auch gerne mehr lesen.
In der Mitte des Buches gibt es einen ausführlichen Teil mit Fotos. Für zehn Euro ist das ein viel wertvolleres Buch. Unbedingter Lesetipp! Es ist ein Buch fürs Leben.
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