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30.10.15

Das 30-Tage-Projekt: LESEN - Der Traum der Dichterin von Elke Weigel

In der Zeit vor meiner Reisezeit fiel es mir schwer überhaupt ein Buch zuende zu lesen bzw mich darauf zu konzentrieren. Darum beschloss ich die Zugfahrten zu nutzen. Wie herrlich! Von A nach B reisen und dabei in andere Welten abtauchen. Heute für Euch passend zur Braunschweigroute:

Von der Jungfer zur Sternenjungfrau

Coverbild "Der Traum der Dichterin" von Elke Weigel, © Gmeiner VerlagAnnette von Droste-Hülshoff war für uns in der Schule früher der Inbegriff der Langeweile. Jetzt leiste ich beim Lesen Abbitte und danke Elke Weigel, dass sie Annettes Leben neu erzählt. Als Frühchen geboren bleibt die Dichterin zeitlebens gesundheitlich beeinträchtigt und wird zudem nicht immer von ihrer konservativen Mutter und der restlichen Umwelt verstanden.
Genie und Wahnsinn – das trifft es nicht ganz. Aber um Leben und Gefühle zu verarbeiten sucht Annette sich immer wieder eine geheime – nur für sie sichtbare – Verbündete und schreibt, schreibt, schreibt. Wenn sie das nicht kann, fehlt ihr etwas. Zum einen schreibt sie, um der Mutter zu gefallen. Die liest die Gedichte der Tochter gern im Freundeskreis vor. Zum anderen ist es das Schreiben Annettes Ventil. Denn sie liebt Frauen, was gänzlich unmöglich in dieser Zeit ist, noch dazu als die Außenseiterin, die sie ohnehin ist.

Unverstanden von Freunden und Familie

Die Geschwister agieren mal als Verbündete, mal als Fremde, ebenso ist es mit anderen Verwandten. Je älter die junge Annette wird, umso schwieriger gestaltet sich das Leben. Aus den heiteren Sommeraufenthalten bei den Großeltern wird ein Treffen junger Leute, die einander das Leben eher schwer machen, statt den Sommer zu genießen. Die frühere Freundschaft zu ihrer Cousine wird zu einer Feindschaft, die selbst Annette zunächst nicht begreift. Es sind besondere Menschen, von denen hier erzählt wird: die Gebrüder Grimm, Heinrich Straube, alles keine Unbekannten. Eigentlich sollten gerade sie diejenigen sein, die die Dichterin verstehen. Doch die Grimms sammeln ihre Märchen nur von anderen Autoren zusammen und der arme Straube wird von seinen Gefühlen und vermeintlichen Freunden überlistet. Das macht mehr als eine Intrige gegen Annette möglich. Sie wird mehr und mehr zur Zielscheibe und gilt als ewige Jungfer.
Erst als sie durch Zufall ein Haus während der Abwesenheit der Hausherrin bewohnen soll, wird sie zur “Sternenjungfrau” und lernt, dass sie etwas ganz Besonderes ist. Freundin Male scheint dies schon vorher in ihr geweckt zu haben, doch auch hier gilt: Keine Liebe ohne Schmerz.
Ich bin ja von ganzem Herzen Romantiker und bestehe darauf, Frauen als reale Menschen zu sehen, die Männern liebend zur Seite stehen und sich ganz natürlich verhalten dürfen,
ist nur eine der Satzperlen, die diese Zeit beschreiben. Elke Weigel legt nach “Robin & Jennifer” erneut einen historischen Roman vor, der gleichzeitig so ganz anders ist als ihre anderen Bücher. Die Gefühlswelt der Dichterin ist plötzlich die eigene, auch wenn die Gedanken manchmal schwierig nachzuvollziehen sind. Doch eines haben alle Weigelbücher gemein: Ich kann nicht aufhören zu lesen.

Eine große Persönlichkeit wird lebendig

339 Seiten, die uns auch sprachlich in eine andere Zeit versetzen. Sätze wie “Im Verstand der Frau bleibt immer eine gewisse Schwäche zurück” werden glücklicherweise ausgeglichen mit Herzhüpfern wie “Wir lachten bis mir die Tränen herabliefen, und ich das Gefühl hatte, eine Grenze überschritten zu haben. Endlich.” Fühlt sich Annette befreit und scheint etwas unbeschwerter zu leben, gehe ich genauso mit wie in Leidenszeiten oder wenn sich die Dichterin unverstanden fühlt.
Aus der ganz persönlichen Sicht der Annette von Droste-Hülshoff beschreibt Elke Weigel in ihrem Roman eine ganz große Persönlichkeit und eine Zeit, in der es für Frauen alles andere als gerecht zuging – und die ist nicht einmal lange her. Eines haben alle Zeiten in sich: Die Kraft der Liebe, die sich immer gleich stark durchzusetzen versucht. Sternenjungfrau Annette von Droste-Hülshoff sehe ich nun mit ganz anderen Augen und ich werde unbedingt ihre Texte lesen!

Der Traum der Dichterin
von Elke Weigel
341 S. / 12 x 20 cm / Paperback
August 2015, sofort lieferbar
ISBN 978-3-8392-1733-7
auch als epub
gmeiner-verlag.de/programm/titel/1237-der-traum-der-dichterin

15.7.13

Buchtipp: Fußballtöchter von Elke Weigel

Nachdem ich mich gut zwei Jahre nur schwer aufs Lesen konzentrieren konnte und dies nun wieder supi geht, haben meine Rezensionen nun nach literaturtipp.com ein neues Zuhause gefunden, nämlich auf phenomenelle.de
Ich freue mich sehr, dass ich Euch auch hier die Bücher ans Herz legen darf, die ich für phenomenelle lese und phänomenal finde. Den Anfang macht darum Fußballtöchter:
Elke Weigels erster Roman nach Kurzgeschichten und Fachbüchern könnte auch gut eine Drehbuchvorlage sein. Von der ersten Seite an habe ich zwar ohnehin eine Menge Bilder im Kopf, würde die Geschichte aber auch zu gerne verfilmt sehen, so viel Emotion, Musik, trister Alltag und gleichzeitig Spannung prallen hier aufeinander.
1970 ist es Frauen nicht erlaubt, Fußball auf Vereinsplätzen zu spielen. Während die Männer Fußball im Fernsehen anschauen oder anderweitig abgelenkt sind, kicken die Frauen heimlich. In dem schwäbischen Dorf in der Nähe von Stuttgart bleibt dies jedoch nicht lang geheim und die Frauen ernten allerhand Häme und Spott.
Die Geschichte rund um Fußball, Emanzipation und Liebe wird aus der Sicht von Susi geschildert, die noch recht jung ist und unter den Fittichen ihres depressiven und irgendwie hilflosen Vaters aufgewachsen ist. Sie hat stillschweigend die Hausarbeit zu erledigen und ihn und ihren Bruder zu bedienen und lernt langsam aber stetig, dass dies so nicht das richtige Leben sein kann. Unterstützung erfährt sie durch ihre Fußballfreundinnen, die allesamt mehr oder weniger auch ihr Päckchen zu tragen haben.
Doris´ Mann weilt in den USA und so ist sie mit ihren Kindern und einer gichtanfälligen Mutter weitestgehend auf sich allein gestellt, Hannelore wird zwar vom Vater geschätzt und unterstützt, muss sich aber ihr Selbstbewusstsein ebenso erkämpfen wie Susi, die immer wieder verunsichert und schweigsam ist – selbst den Freundinnen gegenüber. Gerda, ein wenig unbedarft, möchte ihr Leben emanzipiert genießen, lässt nichts anbrennen – und fasziniert Susi ungemein. Sie ist kämpferisch, will sich niemandem unterwerfen und verbessert jede, die von “Fußballer” spricht -  es heißt “FußballerIN”.
Sie alle habe ich gleich richtig gern, jede ist eine absolut besondere Persönlichkeit und so wunderbar beschrieben, dass ich ohne weiteres gerne Annegret oder eine von den anderen Frauen in der Mannschaft wäre. Denn eines ist bei allen unterschiedlichen Meinungen oder Entwicklungen klar: Letztendlich stehen sie füreinander ein. Im Leben wie auch im Spiel.
Sie spielen unbeirrt weiter, egal, wie sehr sie von anderen in den Dreck gezogen werden oder ob eine Wiese auf der sie geübt haben von einem Mann mit seinen Baumaschinen zerstört wird. Wenn das Leben ihnen Steine in den Weg legt, kicken sie sie gemeinsam weg. Es gibt einige Männer, die sie unterstützen und so trainieren sie beispielsweise mit Uli, der immer alle wesentlichen Sätze wiederholt und es schafft, dass sie als Mannschaft zusammenspielen.
Dieses Buch ist immer wieder für eine Überraschung gut – und dass die Liebe nicht zu kurz kommt, in diesem Fall nämlich die zwischen Susi und einer der Frauen, lässt Fußball unglaublich romantisch erscheinen. Es ist so lesenswert und die wohlbekannten Songs, die so gut zu den einzelnen Situationen passen, hattte ich die ganze Zeit im Ohr. Es ist ein Buch, bei dem ich eigentlich nur Seite für Seite umblättere aber trotzdem mit allen Sinnen genieße. Leider endet es nach 244 Seiten – aber Sätze wie “dieses Gefühlschaos machte sie weich im Körper und wirr im Kopf” werden bleiben.