4.6.26

Als Karl Ewald mir das Internet kopierte

Im Sommer 1995 war ich tagsüber Praktikantin beim SWF3 Club und durfte in meiner Freizeit an der 2011 telefonische HörerInnenwünsche entgegennehmen, die 24/7 gesendet wurden. Ja, bei uns wurde damals schon gegendert.
Als mir kürzlich Unterlagen mit „ModeratorInnen“ in die Hände fielen, erinnerte ich mich an eine besondere Begegnung.
Auf dem Weg vom damaligen Club zu den Studios, vor denen der 2011-Telefontisch stand, traf ich am Kopierer Karl Ewald, der mich freundlich grüßte und fragte, ob ich eigentlich schon vom Internet gehört habe.

1995 lief ich mit Büchern in der Tasche, Stift und Notizblock umher, Internet, das war so unvorstellbar, wie zum Mond zu gelangen. Man schlug Dinge in Lexika nach oder bestellte vor Reisen Broschüren bei den jeweiligen Touristinfos. Heute laufe ich immer noch mit Büchern in der Tasche herum und liebe Notizbücher aller Art, aber ohne Internet fühle auch ich mich manchmal aufgeschmissen.
In den ersten Jahren des späteren SWR3 Clubs hatten wir einen einzigen Rechner mit Internetzugang in der Abteilung, an dem wir immer eine halbe Stunde pro Woche recherchieren und üben durften – die Kollegin, die an diesem PC saß, musste in dieser Zeit mit uns die Plätze tauschen. Undenkbar in heutigen Zeiten
😊
Aber zurück zu diesem Tag in der Summertime ´95, so hieß die damalige Musikwunschaktion. Ich hatte noch ein wenig Zeit und plauderte also mit Karl, der fragte, ob ich auch eine Kopie haben möchte. Ich nickte, während die vielen Seiten im Ausgabefach des Kopierers landeten. Karl zeigte mir anhand eines bereits fertigen Papierstapels, was er mit zwei Kollegen plante. SWF3.online war bereits einige Monate jung, aber so richtig perfekt an den Start gehen wollte man Anfang 1996, erinnere ich mich dunkel. Ich sah gepunktete Fotos von Mitarbeitenden, Termine, die ich aus der Clubzeitung kannte, Sendungsinformationen und Frequenzen. Im Original waren die Seiten blaugrau, auf den Kopien konnte ich erkennen, dass hier an alles gedacht wurde – die Hörerschaft, heute wohl eher Community, würde noch mehr Einblicke bekommen als bei Studioführungen, SWF3 Clubtreffen oder in den Magazinen und Zeitungen (ON und ONFO erschienen mehrfach jährlich) oder Broschüren des SWF möglich war. Und vor allem, erklärte Karl, könne man viel besser reagieren, im Internet gehe alles blitzschnell. Damalige DFÜ-Verbindungen waren schneller als die Fernschreiber in einem kleinen viel zu warmen Raum, über die Nachrichten und Informationen aus aller Welt eingingen.
Mit dem Internet sollte sich viel verändern. Und der leider viel zu früh verstorbene Karl wird für mich immer einer der Pioniere sein.

Das Bild ist KI-generiert (daran hätte er Spaß gehabt)


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