27.3.26

Unangenehm und lehrreich

Zwei Posts in meinem Leben haben die größte Reichweite ever: Einer auf Instagram zur Bundestagswahl mit der Bitte, demokratisch zu wählen, und der von vorgestern auf Threads mit einem Teil des Textes, den ich gestern hier im Blog veröffentlicht habe.
In beiden Fällen pushen die bösen und widerwärtigen Kommentare rechter Trolls die Beiträge nach oben. Ich bin eine Person, die keinen Wert auf Reichweite legt, da ich mein Geld nicht damit verdiene, doch zeigt dieser Algorithmus, wo wir in dieser Gesellschaft stehen. 
Das Internet vernetzt mich glücklicherweise in der Regel mit Menschen, die politisch mit mir auf einer ungefähren Linie sind, mit-menschlich auf jeden Fall, oder mit solchen, die Diskussionen wertschätzend führen und andere Meinungen akzeptieren oder Dinge erläutert haben möchten. 
Auch im richtigen Leben pflege ich Freundschaften, in denen wir über Dinge erwachsen diskutieren, aber einheitlich gegen Intoleranz sind, einfach, weil sie einem gesunden Zusammenleben nicht guttut.
Bei den Internet-Trollen handelt es sich meist um (muskulöse) Männer neben Autos, um Autoprofilbilder, keine Profilbilder oder im schlimmsten Falle um Männer mit Kindern neben sich.
Bei den Kommentaren geht es dann nicht um die gepostete Sache an sich, die wird zwar kurz infrage gestellt (der gute alte "Paulanergarten"), aber ganz schnell kommt im nächsten Satz, dass ich fett sei, ganz sicher so keinen Mann finde und mit der Einstellung schon gar nicht und dass ich zum Psychiater gehen soll. Erweitert wird festgestellt, dass mich Ali abstechen oder vergewaltigen müsse. 
Oft sind diese nicht gut rechtschreibenden Männer rechts oder - auch nicht zu pauschal gesagt, weil belegbar - Kinder von ehemaligen Bürgerinnen und Bürgern der DDR, die diese Zeit der Unterdrückung dort nicht einmal mitbekommen haben. Sonst würden sie möglicherweise die ganze Sache weniger verkärt sehen und den Luxus, ein offenes Internet zu haben, in dem man alle möglichen Dinge schreiben darf, weniger als rechtsfreien Raum sehen, sondern als pures Glück und die Freiheit, die die Menschen dort nie hatten.
Es sind auch oft Leute, die dazu schreiben, dass sie die AfD wählen, ohne sich darum zu kümmern, dass sie dann nur noch 6 Monate arbeitslos sein dürfen, weil sie dann in Arbeit gehen müssen. Oder dass sie dann eben Wehrdienst bzw Ersatzdienst machen müssen, denn auch das steht im Wahlprogramm.
Ich bin nicht stolz auf diese Posts, die durch die Decke gehen. Dennoch sind sie wichtig: Sie zeigen, dass wir Frauen weiterhin laut sein müssen. Dass wir lang genug geschwiegen haben und dass Männer sich nicht ständig daneben benehmen können. Ich finde es super, dass sich auch immer mehr Männer zu Wort melden, die uns Frauen unterstützen, die ihren Partnerinnen auf Augenhöhe begegnen und anderen Frauen den Rücken stärken, wenn sie angegriffen werden. 
Erst 1918 durften Frauen in Deutschland erstmals wählen gehen, 1977 ohne Erlaubnis des Ehemannes eine Arbeit annehmen - ganz zu schweigen von der Eröffnung eines eigenen Bankkontos. Wir stärken dieses Land ebenso wie die Männer, wenn wir arbeiten gehen. Auch wenn dies in Teilzeit geschieht. Auch, wenn wir uns um Schwächere kümmern, Ihr Kinder großzieht oder Alte pflegt. Frauen sind genauso wichtig wie Männer - wir dürfen das einfach niemals vergessen.

Und die ganz normalen Werte - Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit - sind keineswegs etwas für Randgruppen. 
Im richtigen Leben ist der Nachbar laut, macht man ihn darauf aufmerksam, ist er über Jahre beleidigt - anstatt sich zu entschuldigen und es besser zu machen. Im besten Falle macht er es aber besser und nimmt Rücksicht, so wie es anständige Menschen einfach wertschätzen, dass sie sich verbessern, wenn man konstruktive Kritik übt. Doch auch hier gibt es solche Exemplare, die sich bei allem angegriffen fühlen, obwohl sie austeilen oder sich nicht benehmen können.
Solange es Leute triggert, wenn Anstand und Abstand gewünscht werden, haben wir noch viel zu tun.
Seid laut!


Stand gestern Abend 

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