18.2.26

Das Leben ist bunt

Ich frage mich immer wieder, was Menschen so sehr triggert, wenn andere ein buntes Leben führen und gelernt haben, sie selbst zu sein - oder auf dem Weg dahin sind. Oder wenn Menschen von anderswo hierher kommen und leben, das ist doch spannend und macht weltoffen, ansonsten gäbe es ja auch für die tollen Deutschen keinen Grund Urlaub im Ausland oder Auslandssemester zu machen.

Es tut niemandem weh, wenn Person A Person B liebt und beide dasselbe Geschlecht haben. Es tut aber anderen weh, wenn sie wegen ihrer Homosexualität tätlich angegriffen oder beleidigt werden. 
Es tut niemandem weh, wenn Kinder bei gleichgeschlechtlichen Eltern heranwachsen, meist ist es sogar besser als bei der Herkunftsfamilie oder bei typisch heteronormativ denkenden Paaren. Wichtig ist es, geliebt zu werden. 
Es tut niemandem weh (außer der Person zunächst selbst, der Weg ist schwierig genug), wenn eine Person sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt und erkennt, dass er oder sie Mann oder Frau in Frauen- oder Männerkörper ist.
Es tut niemandem weh, wenn eine Muslima sich dazu entscheidet, das Kopftuch zu tragen - Ordensfrauen im Habit werden schließlich auch nicht gemobbt.
Trotzdem scheinen von all diesen Menschen Gefahren auszugehen, zumindest benehmen sich andere Leute so, auch mit c wie christlich im Parteinamen (ich bin der Meinung, Gott hat uns so gewollt, darum hat er uns eben so wie wir sind geschaffen - queer meine ich damit zum Beispiel).
Für mich gab es als Kind nichts Schöneres, als zusammen mit meiner Freundin Türkisch zu kochen und ihr Kopftuch hat mich überhaupt nicht gestört. Nie. Stattdessen fragte mich ein Familienmitglied, ob ich jetzt auch zur Koranschule ginge. Ja, das tat mir weh, aber nur einen Moment lang - denn ich spürte in meiner ersten Sprachlosigkeit, dass er nicht im Recht war, im Gegenteil, er tat mir später leid, weil er niemals wissen würde, wie schön dieses von ihm verachtete "Multikulti" ist. Wie sehr ich von den Geschichten anderer Menschen profitiere, weil sie mein Leben bereichern. Weil sie im Herzen wie ich sind und wir doch unterschiedlicher Herkunft sind und damit viel zu erzählen haben.
Heute weiß ich: niemand ist im Recht, weil er rechts ist.
Es tut niemandem weh, wenn geflüchtete Menschen hier Zuflucht suchen - hier geboren zu sein ist ein Zufall und kein Privileg. 
Wäre meine Omi damals nicht aus Ostpreußen geflüchtet, gäbe es mich nicht. Auch sie wurde beschimpft und als "fremde Polin" bezeichnet, doch sie war stark und erklärte laut, dass sie Deutsche ist - und zum Glück hörten ihr Menschen zu, zum Beispiel mein Opa, der sich später in sie verliebte.
Viele Geflüchtete oder Zugezogene schließen hier ihre Sprachkurse in einem unfassbaren Tempo ab und machen nebenbei noch Ausbildungen und unterstützen so unser System. Denn sie zahlen Steuern, sie arbeiten in der Pflege oder woanders. Den AfD-Wähler, der arbeitslos und eben nicht arbeitssuchend, sondern ein fauler Troll ist, dem diese Menschen angeblich den Job wegnehmen, möchte ich sehen, wenn er dieses Pensum absolvieren müsste. Viele kümmern sich zusätzlich noch um ihre Kinder oder schicken Geld in die Heimat. Immer wieder bewundere ich die Kraft dieser Menschen und gleichzeitig ihre liebe Art, ihr offenes Aufmichzugehen.
Den Einbürgerungstest würde ich persönlich nicht so einfach bestehen und ich kenne so einige Menschen, die das geschafft haben. 
Einzelne bauen Mist - übrigens stieg die Anzahl ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger seit 2005 um über 70%, während die Kriminalitätsrate um 14 % zurückging - das bedeutet natürlich, dass nicht alle Mist bauen. Sonst müsste ich davon ausgehen, dass der ältere weiße Mann, der sich im leeren Bus kurz vor der Bushaltestelle ganz nah hinter mich stellt, kein Einzelfall ist, sondern, dass alle alten weißen Männer geile Arschlöcher sind. Übrigens auch die jungen Männer, die meinen, auf einem freien Gehweg ganz nah hinter mir laufen zu müssen oder in ähnlichen Situationen einfach Frauen zu nah kommen. 
Ich musste mir neulich sagen lassen, dass so Frauen wie wir still sein müssten, wollen wir nicht in einigen Jahren vom Islam in Deutschland unterdrückt werden, nur weil wir dafür sind, die ganzen Syrer rein zu lassen. Das entsetzt mich noch immer. 
Wie viel weniger unterdrückt ist denn dann bitte eine rechte Hausfrau? Sorry, not sorry. 
Es tut keinem weh, demokratisch zu wählen. 
Es tut aber uns allen weh, wenn eine Partei plant, dass Freunde abgeschoben werden oder Familie aus Vater, Mutter, Kind bestehen soll und dass die Erbschaftssteuer für Reiche abgeschafft wird oder dass Bürgergeldempfangende nach einem halben Jahr sanktioniert werden, wenn sie nicht arbeiten. Das würde wohl einige der Wählenden kalt erwischen. (Man sollte nicht den Ast absägen auf dem man sitzt)
Es geht doch wohl eher darum, die Armen nicht noch ärmer und die Reichen nicht noch reicher zu machen und unser schönes Land wieder zu einen und nicht noch mehr zu spalten. Mir ist nicht klar, warum das nicht verstanden wird. Und warum ein Regenbogen nicht gemocht wird. Das Leben ist ganz schön grau ohne Farben. Und wo das endet, hat uns ja schon Michael Endes Momo gelehrt.
Liebe, Verständnis und Weltoffenheit machen uns reich. Nicht rechte wilde Vorstellungen. Vielleicht nutzen wir die heute beginnende Fastenzeit - und übrigens den gleichzeitigen Ramadan - aufeinander zuzugehen und zu erkennen: wir sind alle Menschen. 

(Quelle 1 im Text verlinkt, Quelle 2 Parteiprogramm und Anträge AfD)

Dieses Bild habe ich bei der letzten Wahl schon gepostet, es zeigt eine Aussage, die ich oft hörte und jetzt wieder höre und meine Meinung dazu



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