8.4.26

Ihr Speicher ist voll

Eigentlich lautet derzeit die Ansage meines Mailanbieters: "Ihr Speicher wird in Kürze voll sein." Aber ein voller Speicher, den man unter dem Dach hat, ist ja auch ein schönes Bild. 
Zuerst war ich etwas empört, dass man nach über 20 Jahren jetzt plötzlich auf die Idee kommt, Mailkonten kostenpflichtig zu machen oder den Speicherplatz zu begrenzen, aber das ist halt der Lauf der Welt, alles kostet Geld. 
Und inzwischen habe ich das Bild eines staubigen Dachbodens vor Augen. Vielleicht kommt durch ein Dachfenster ein Sonnenstrahl, durch den man die Staubpartikel in der Luft flimmern sieht. 
Es stehen verschieden große Papp- und Holzkisten da, kleinere niedliche Boxen und runde große Hutschachteln.
Und jede steht für eine Zeit oder einen Menschen in meinem Leben. 
Während ich anfange, Mails zu löschen, lese ich ein wenig, denke über vergangene Zeiten nach und über die Menschen, die nicht mehr in meinem Leben sind. Und warum sie es nicht mehr sind. 
Manche habe ich durch meine frühere viele Arbeit verloren, wenn Du kaum Freizeit hast, machen das nicht alle mit. 
Manche haben gemeint, Grenzen überschreiten zu müssen und wurden von mir deshalb entfreundet. 
Manche haben mich verlassen, andere sind verstorben. 
Eines haben sie alle gemeinsam: sie haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.
Manche Menschen begleiten uns eine gewisse Zeit und plötzlich sind die Leben so verschieden, dass man einander nicht mehr sieht. Wir denken wertschätzend an diese gemeinsame Zeit und sind uns dankbar für das, was wir miteinander hatten. Aber wir sind eben keine FreundInnen mehr. 
All diese Mails, brauche ich sie? Möchte ich nicht lieber diesen großen vollen Dachboden ausräumen, ein wenig noch in den Kisten wühlen und dann sagen "Adieu"? 
Genau das tue ich. 
Während ich über viertausend Mails von einer einzigen Person lösche, merke ich: es erleichtert und befreit mich. 
Bei der nächsten Person sind es weniger Nachrichten, aber auch hier sage ich im Stillen "Bye Bye".
Ich habe noch längst nicht den Speicher so leer, wie es mein Anbieter verlangt, aber der Dachboden muss ja auch nicht an einem Tag leergeräumt werden. 
Ich sage DANKE
für das gemeinsame Leben, 
für die Lektion, 
für die lustigen und schönen Zeiten und aber auch danke dafür, dass ich diesen oder jenen Menschen nicht mehr sehen muss, mich schon lange nicht mehr ausnutzen lasse und dass ich keine Stimmungen lesen oder aushalten muss. Ich bin innerhalb dieser Zeit mit diesem Mailpostfach so sehr ich selbst geworden, dass ich mich wundere, nicht wehmütig zu sein. Aber ich habe so viele Erinnerungen im Herzen und in meinem Kopf, was soll ich mit all den Buchstaben. Ich bin glücklich über die Menschen in meinem jetzigen Leben, viele bleiben seit über dreißig Jahren und hoffentlich nochmal so lange. Andere sind vielleicht halb so lange bei mir, aber so nah, dass ich mich immer auf sie verlassen kann. Und das ist es, was zählt. 



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen