Sonntage waren früher Hektiktage.
Ich arbeitete für die Freizeit anderer, erst als Leitung eines Ticketservices, dann im Hotel, zeitweise auch in beiden Jobs.
Während ich meist Spätdienst im Hotel hatte, wurde ich manchmal auch im Frühdienst am Sonntag eingeteilt. Mir waren die Geschäftsreisenden unter der Woche lieber als die, die am Wochenende unsere Stadt samt Kultur erkundeten. Vermutlich, weil ich mich den Menschen mit müden Augen verbundener fühlte.
Ich war an diesen Tagen dauermüde, während ich inzwischen ein früher Vogel bin. Trotzdem arbeite ich lieber nachmittags.
Sonntags konnte ich vor unseren Schalteröffnungszeiten im Ticketservice Büroarbeit erledigen. Was ich da nicht schaffte, musste am Montag, eigentlich Ruhetag, gemacht werden. Und dann waren da ja auch noch die Veranstaltungskassen. Meist abends nach Schalterschluss, manchmal auch nachmittags fürs Kinderprogramm, mein Highlight aber waren, auch wenn ich an diesen Sonntagen weniger Büroarbeit schaffte, die Matineen der Philharmonie. Diese Kassenzeiten durfte ich mit einem Menschen verbringen, der sich nicht zu schade dafür war, den ein oder anderen Stuhl an seinen Platz zu tragen oder auch den Einlass zu machen. Hinzu kamen ein ganz besonderes philosophisches Verständnis und somit immer bereichernde Gespräche. Wer mir schon länger auf Instagram folgt, weiß, dass es sich um AJ handelt, der uns in seinem letzten Lebenssommer "Freude, Gelassenheit, Mitgefühl und Liebe" als die vier Unermesslichkeiten mit auf den Weg gegeben hat.
Da wir beide immer pünktlich waren, hatten wir so auch viel Zeit, bevor die Gäste kamen. Wortwitz und Ernsthaftigkeit machten die Beständigkeit unserer Zusammenarbeit auf Augenhöhe aus. Und wenn einmal eine Gesprächszeit nicht genügte, tranken wir nach Konzertbeginn noch einen Espresso miteinander - er hatte ja bereits die Proben gehört und ich hätte keine Zeit fürs Konzert gehabt, musste ich doch wieder ins Büro.
Wenn ich heute an einem Sonntag früh aufstehen muss, weil ein Kater sich bevorzugt auf frischer Wäsche übergeben hat oder alle Hunger haben, so trage ich diese Stunden in meinem Herzen. Während es draußen langsam hell wird, denke ich: Ich habe viel von AJ gelernt und gleichzeitig gab er mir etwas, das nicht viele Menschen in Leitungspositionen können: ein Miteinander auf Augenhöhe. Er wertschätzte meine Antworten auf seine Fragen und umgekehrt respektierte ich ihn, auch wenn wir ständig augenzwinkernd Witze miteinander machten.
Als Leute einmal über seine gelben Schuhe sagten, es sei eine unmögliche Farbe zum Anzug, zog ich am nächsten Tag meine gelben Schuhe an und er lachte die ganze Zeit.
Ich bin dankbar, dass alles seine Zeit hat und dass jetzt die Zeit für ruhige Sonntage ist und ich einen Werktagsjob habe. So, wie wir es brauchen, die Katzen und ich.




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