13.4.09

Krebs ein Sommeralptraum/Juni 2008


Krebs ist ein Sommersternzeichen. Krebs klingt auch irgendwie nach Urlaub, wie oft hab ich beim Wattwandern in der Nordsee diese kleinen Dinger betrachtet.
Mein Sommer 2008 versprach sonnig zu werden, ich freute mich darauf, die Spiele der Fussball-EM zu sehen und Olympia, wollte rausgehen, Freunde treffen, lange draußen sitzen und gute Gespräche führen. Der Juni ist mein Lieblingsmonat, weil es so lange hell ist. Den Juli liebe ich, weil er so sonnig ist. und im August werden in meiner Stadt die Dahlien gepflanzt, sie blühen und ziehen viele Touristen an. Und mich, ich fotografiere sie jedes Jahr aufs Neue.
Dieses Jahr hab ich den Sommer auf Balkon, am Fenster, auf der Couch und im Bett verbracht. Es gibt Schlimmeres, Fussball habe ich geguckt und die Olympischen Spiele auch. Nur das Rausgehen hielt sich in Grenzen und die Dahlien warten noch auf mich, aber die blühen ja auch noch ein Weilchen.
"Das Ergebnis ist leider nicht so schön", verzieht die junge Ärztin das Gesicht, "es wird zwar noch einen zweiten Befund geben, aber dieser erste stimmt meistens." Wieso bloß gibt es dann überhaupt zwei? Ich sitze da, in einem kleinen Kabuff in der ambulanten HNO-Abteilung eines Krankenhauses, wo man mir vor drei Wochen sagte, dass die OP unnötig sei, meine Hausärztin aber darauf bestand - und eben weil sie sagten, es sei unnötig, hab ich mir gedacht, gehe ich heute nach dem Termin noch schön gemütlich shoppen. Daraus wird wohl nichts. Es ist Sommer, ich bin 31 Jahre alt und ich habe Krebs.
Heutzutage stirbt man nicht mehr an Krebs, wenn er früh erkannt wird. Es ist Hodgkin, kein Non-Hodgkin, was sehr gut ist. Meine Hausärztin beruhigt mich am Telefon. Trotzdem - wie betäubt fahre ich nach Hause, wollte ich mir doch heute Abend das Fussballspiel der deutschen Mannschaft ansehen. Mache einen Abstecher zu einer Freundin und deren Kneipe, trinke dort erstmal ´nen Schnaps, beruhige mich und schaue dann das Fussballspiel zuhause an. In der Nacht dann kommt die Angst. Ich schaue in meinem Bücherregal nach und finde ein Buch über genau diesen Krebs. Wieso bloß hab ich das mal gekauft? Und wieso bloß hab ich das nie gelesen? Ich lese es jetzt. Die Grillen zirpen, das Fenster ist weit offen, eine sternenklare Nacht. Es riecht nach Sommer. Ich lese die ganze Nacht.
Eine Woche später bin ich eine informierte Patientin, die ihren Onkologen-Doc zum ersten Mal trifft. Er nimmt sich Zeit, erklärt alles, was ich noch nicht weiß, und alle darauffolgenden Untersuchungen müssen sein und es ist okay. Ich bekomme Infusionen, Chemotherapie, darf währenddessen manche Dinge nicht essen, freue mich aber über Salat, ein Steak, richtig gutes Essen in der Woche, in der ich wieder alles zu mir nehmen darf. Ich lerne die kleinen Dinge zu schätzen und glaube, dass dieser Sommer ein ganz besonderer in meinem Leben bleiben wird. Intensiver ist er. Ich habe die guten Gespräche mit Freunden trotzdem, auch wenn sie nicht draußen am Abend im Garten eines Restaurants stattfinden können. Nachdenklich sind wir, manchmal traurig, meistens aber hoffnungsvoll und wir müssen auch viel lachen.
Als dann die Urlaubszeit beginnt, ist es ein komisches Gefühl, zuhause zu bleiben. Die einzigen Fahrten, die ich unternehme, sind Taxifahrten in die Klinik. Aber in meiner Stadt machen viele Menschen aus fremden Ländern Urlaub. Warum nicht auch ich? Hier ist es schließlich auch schön.
Wenige Wochen nach der ersten Chemo habe ich keine Haare mehr – ich nenne es "meine praktische Sommerfrisur", trage Kopftücher, bunt, genau wie meine Klamotten und freue mich, wenn ich zwischen den Chemotherapien raus kann. Ich soll nicht lange in die Sonne. Also sitze ich im Schatten auf dem Balkon meiner Freundin, gönne mir beim Einkaufen ein Eis - hurra, es gibt wieder Nogger!!! - oder trinke draußen vor einem Cafe einen Chai Tea. Wunderbar.
Ja, Sommer ist wunderbar, aber noch viel wunderbarer ist er, wenn man ihn mit allen Sinnen wahrnehmen kann. Wenn man dankbar ist, wieder genug Kraft zu haben, um in den Park zu gehen oder man einfach nur dem dahinplätschernden Wasser eines Flusses zusieht oder wenn einen die Freunde besuchen kommen.
Ansonsten habe ich an den schlechten Tagen die Sommergeräusche – die spielenden Kinder in meiner Straße, die Vögel, die um 5h morgens zu zwitschern anfangen und mich in meinen Tag begleiten, das quietschende Fahrrad der Postbotin, das neben dem Klappern der Briefkastenschlitze bunte Postkarten der Freunde aus dem Urlaub ankündigt oder andere (schöne) Post.
Es ist gut, dass der Krebs im Sommer zu mir kam. Die Tage sind heller und ich freue mich, wenn morgens die Sonne zum Fenster hereinscheint. Wenn ich schlaflose Nächte hatte oder wegen der Medikamente früh aufwache, sitzen kleine Vögel auf dem Dach vor meinem Schlafzimmerfenster und begrüßen mich fröhlich. Es ist bereits hell, die Stadt erwacht langsam und ich erlebe sie zum ersten Mal zu dieser Tageszeit. Der Himmel färbt sich von hellem Rosa zu intensivem Blau, der Tag ist da.
Sommer ist das pralle Leben. Alles ist grün, alles blüht, es gibt jede Menge Obst und Gemüse. Der krasse Kontrast – die graue Klinik mit all den anderen Patienten – und dann meine geliebte Kleinstadt, die Natur, immer wieder das Zirpen der Grillen und das Zwitschern der Vögel, der blaue Himmel vor meinem großen Fenster, an Tagen, an denen ich mich kaum aus dem Bett bewegen kann – die Farben, sie machen glücklich. Es riecht nach Blüten in der Stadt, nach etwas Schwerem, Süßen. Ich nehme alles intensiver wahr. Es ist trotz allem mein Sommer.
Im Herbst werde ich wieder gesund sein. Ganz sicher!

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