11.4.10

(Un)saubere Sache.

Neulich vor einer öffentlichen Toilette: Eine Schlange Frauen steht und wartet, dass die beiden Toilettenkabinen frei werden, es ist Mittagszeit, viele Menschen sind zufällig dort und es gibt einen kleinen Engpass. Wartezeit für die einzelnen im längsten Fall dennoch nur ca 4 min. Kann aber offenbar lang werden, wenn man mal muss.
Eine dritte Toilette ist abgeschlossen, da sie für die Mitarbeiter der Lokalität gedacht ist, die nicht lange warten und rasch wieder an ihrem Arbeitsplatz zurück sein müssen und Putzmittel, Handtücher und Toilettenpapier werden hier gelagert.
Eine Frau beginnt plötzlich laut zu lamentieren, es sei eine Frechheit, dass die dritte Toilette nicht geöffnet würde, außerdem putze die Frau eh nicht, zwei stimmen mit ein und fangen an, die Toilettenfrau zu beschimpfen, über die Köpfe der hinten anstehenden Frauen hinweg:
Wofür sie 50 Cent verlange, wo sie doch eh nichts arbeite. Sie hat den Lappen in der Hand. Und schaltet irgendwann auf Durchzug. Ich kann das nicht. Denn als dann noch eine meckert: "Wieso stellen die hier keine ein, die Deutsch spricht?", platzt mir der Kragen. Erstens spricht sie deutsch, wenn auch mit Akzent - wieso ist das schlimm? Im Gegenteil, ich bewundere Menschen, die in ein fremdes Land kommen und sich hier dann zurechtfinden - vor allem auch sprachlich. Zweitens sind die Toiletten sauber. Zudem ist die Seife nachgefüllt und genügend Handtücher gibt es auch. Okay, es gibt diese Berichte über Firmen, die beispielsweise in großen Einkaufszentren 50 Cent pro Toilettengang verlangen, geputzt wird aber nur einmal am Tag und in Wahrheit sacken die Chefs die Kohle ein, während die Mitarbeiter keinen oder wenig Lohn bekommen. Hier verhält es sich jedoch anders: Die Frau putzte die Herrentoilette und stand dann aufgrund des plötzlichen großen Damenaufkommens wieder an der Eingangstür, um die 50 Cent zu verlangen, die sie kriegen muss - große Aushänge weisen darauf hin und in der Stadt ist ebenfalls bekannt, dass an bestimmten touristischen Orten regelmäßig saubergemacht und dafür Geld verlangt wird. Ich frage laut: "Wollen Sie, dass sie jetzt putzt? Dann müssten Sie mal eben eine Minute warten, wenn der nächste aus der Toilette kommt....."
"Nein, ich geh jetzt so drauf, ich hab keine Zeit", ruft die vorderste Frau, eine der Lamentierer. Ahja. "Sehen Sie?" erwidere ich. "Sie wird dann wohl putzen, wenn der Ansturm hier vorbei ist."
Vorne wird weiter gebrüllt, am Ende der Schlange kommt wieder aggressiv die Frage auf, warum "so jemand" da arbeitet.
"Das ist ganz schlimm für Baden-Baden", motzt eine Frau mich an.
Ich antworte: "Ich finde, gerade benimmt sich Baden-Baden ganz schlimm." Sie schweigt. Und ich schäme mich. Dass ich Deutsche bin, dass ich in Baden-Baden, einer feinen Stadt, die neben den viel erwähnten Millionären nur so fein sein kann wegen der emsig arbeitenden "Unterschicht", lebe. Schäme mich, dass ich der Frau nicht weiter helfen kann als mit Worten den anderen gegenüber.
Tag für Tag den Müll, die Scheisse anderer wegzumachen, das bedeutet richtige Arbeit. Ich bewundere das. Sind Toilettenfrauen nicht sogar mehr wert als andere Menschen, wenn man schon dieses Fass aufmacht? Wir feinen Deutschen sind uns zu schade dafür. So kann man sagen, dass das Eine ohne das Andere gar nicht bestehen kann. Yin und Yang. Und dann wird auf diesen Menschen noch herumgehackt.

Das ist doch Kacke..

PS: Die Toilettenfrau hat sich bei mir bedankt. Dabei war das Eingreifen selbstverständlich. Nur eine Frau - eine einzige - schüttelte den Kopf und sagte beim Rausgehen sehr leise zu uns, dass sie das, was da gerade passiert ist, nicht glauben kann. Traurig.

Kommentare:

  1. Hey, so was zu erleben ist wirklich traurig. Da denken die Leute, dass sie was besseres sind. Doch deren Verhalten ist weiter unten als der Job den die Arme Frau machen muss. Diese Leute erwarten Toleranz, Respekt usw. Aber wo bleibt er bei ihnen? Wie können sie erwarten so behandelt zu werden, wenn sie es selbst nicht tun? Würden diese sich freuen, wenn sie auswandern, solch ein Job machen müssen und dann beschimpft werden? Aber das ist ja nicht der Fall, würden sie sagen... Traurige Welt... Das ist einer der Gründe, warum ich mich auch oft Schäme deutsche zu sein.

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  2. Wahre Worte. Ich bin immer noch geschockt. Aber Du hast Recht - die sind weiter unten!

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